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Blog aus Serbien - Teil 4

Bleiben oder gehen?

Zwei Flüchtlinge vor ihrer Unterkunft im Krnjaca Camp

Die Diakonie Hessen und das Zentrum Oekumene der beiden Landeskirchen Kurhessen-Waldeck und Hessen und Nassau haben ihre Begegnungsreisen zu europäischen Flüchtlingsinitiativen fortgesetzt. Derzeit befinden sich die vierzehn ehrenamtlich und vier hauptamtlich Engagierten in der Flüchtlingsarbeit in Serbien. Berndt Biewendt berichtet in einem Blog.

„Zwei Milliarden Kilometer zur Sicherheit – Jeder Schritt zählt“ steht auf dem T-Shirt eines Mannes, der mit seinem kleinen Kind in einem Asylzentrum bei Belgrad, dem Krnjaca Camp, lebt. Dieses Zentrum ist für 1000 Menschen ausgelegt, derzeit leben dort rund 200 Geflüchtete. Die meisten kommen aus Afghanistan, Irak, Iran und Syrien. Einige wenige aus Afrika. Für etliche zählt offenbar jeder Schritt. Jeden Morgen sei ihr nicht klar, wie viele Flüchtlinge noch da sein werden, sagt uns Durda Surlan, die Leiterin des Camps. „Es gibt Tage, da sind 25 Menschen plötzlich weg, manchmal machen sich sogar gleich hundert auf den Weg. Das ist für uns das größte Problem." Diese Flüchtlinge sind des Wartens müde und wollen weiter – in die EU.

Ungarn als letzte Hoffnung?

Zu jenen, die schon lange warten, gehört Suhar, eine Frau aus dem Iran, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in dem Krnjaca Camp lebt. Vor zwei Jahren haben sie ihr ganzes Geld einem so genannten Fluchthelfer gegeben, der ihnen versprochen hatte, sie innerhalb von zehn Tagen nach Ungarn zu bringen. Sie sahen den Mann nie wieder. Jetzt stehen sie auf einer Warteliste, um in Ungarn Asyl beantragen zu können. Acht Familien seien jetzt noch vor ihnen, sagt Suhar hoffnungsvoll. Das Problem: Ungarn lässt pro Tag nur einen Flüchtling ins Land. Nach welchen Kriterien die Asylbewerber ausgesucht werden, ist nicht immer ganz klar. Suhar betont, sie und ihr Mann hätten so viele Talente. Sie seien künstlerisch tätig, könnten aber auch als Friseure arbeiten. Von ihrer Kunst zeugt ein Wandbild an einer Mauer des Camps. Es zeigt Katzen an einer Treppe, die so aussehen, als wollten sie ins Freie, in die Freiheit.

Eine Zukunft in Serbien

Ein Flüchtling aus Ghana hat sich entschlossen, in Serbien zu bleiben. Er studiert Sport. Sein Asylantrag wurde inzwischen abgelehnt. Aber das scheint kein Problem zu sein. Er ist inzwischen arbeitendes Mitglied im Team des Camps, spricht fließend serbisch, hat bereits in einer TV-Soap im serbischen Fernsehen mitgespielt und ist offenbar sehr beliebt. Leiterin Durda Surlan sagt, er sei wie ein Sohn für sie. Auch ein junger Afghane sucht seine Zukunft in Serbien. Er erzählt uns, dass er auf der „black list“ der Taliban stehe, weil er Mitglied des afghanischen Militärs sei, das mit den Amerikanern zusammenarbeite. Er sei deshalb geflohen und immer nur gelaufen, gelaufen und gelaufen. Jetzt suche er Halt und eine Existenz Serbien. Er spricht bereits die Landesprache und hat nach eigenen Angaben eine deutsch-serbische Freundin. „Ich will nicht mehr in der Illegalität leben und nicht mehr illegal versuchen, die Grenze zu überqueren.“

Die Verletzungen kommen aus den Bergen

Die Versorgung und medizinische Betreuung im Camp  sind – soweit wir das beurteilen können – gut. Die Kinder werden mit Kleinbussen zur Schule gefahren und erhalten auch Unterricht vor Ort. Für große und kleine Krankheiten ist die Ärztin Dr. Danijela Radosavljevic zuständig. „Erkrankungen an Hals, Nase und Ohren kommen am häufigsten vor. Flüchtlinge, die im Sommer vergeblich versuchen über Bosnien nach Kroatien zu kommen, kehren in der kalten Jahreszeit nach Serbien zurück. „Dann haben wir hier viele Fälle von Beinverletzungen, aber auch Krätze oder Läuse aufgrund der fehlenden hygienischen Bedingungen“, erläutert Danijela Radosavljevic. Was sie traurig stimme, komme zwar selten vor, aber, so sagt die Ärztin „so etwas hatten wir in Serbien bislang nicht“. Das seien Fehlbildungen bei neugeborenen Kindern aus inzestuösen Beziehungen wie sie manchmal in Familien aus Afghanistan und dem Iran vorkämen. Mit Jelena Hajdukivic kümmert sich auch eine Psychologin um die seelischen Erkrankungen der Flüchtlinge. „Am häufigsten sind es Depressionen, Ängste und natürlich post-traumatische Belastungsstörungen.“

Die Zahl von 200 Bewohnern im Krnjaca Camp – da sind sich die Verantwortlichen sicher - wird schon bald wieder ansteigen. Es wird kälter in Serbien und mit der Kälte kommen die Flüchtlinge aus den Bergen in Bosnien.


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