Menu
Menü
X

Blog aus Ungarn - Teil 6 und Schluss

Was haben die Kinder nur verbrochen?

Gedenktafel am UNHCR-Gebäude in Budapest für getötete Mitarbeiter des UN-Flüchtlingshilfswerks

Vierzehn ehrenamtlich und vier hauptamtlich Engagierte in der Flüchtlingsarbeit waren eine Woche in Serbien und Ungarn. Sie sprachen dort mit Flüchtlingen und Flüchtlingsinitiativen. Die Begegnungsreise geht dem Ende entgegen. Vom letzten Tag in Budapest berichtet Berndt Biewendt in einem Blog.

Am letzten Tag unserer Begegnungsreise erfahren wir schier Unglaubliches: Flüchtlingskinder, die im Gefängnis leben, Flüchtlinge, die keine Nahrung erhalten, eine Strafsteuer für Spenden an Flüchtlingsorganisationen und eine Migrationskrise ohne Migranten. Doch der Reihe nach:

In den ungarischen Transitlagern an der Grenze zu Serbien warten zurzeit genau 500 Flüchtlinge auf die Bearbeitung ihres Asylantrages – das kann Monate dauern, mitunter auch anderthalb Jahre, berichtet uns Jon Hoisaeter vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), das sein Sitz in Budapest hat und auch für die Nachbarländer Ungarns zuständig ist. Unter den Flüchtlingen sind 178 Kinder, die hinter Stacheldraht leben und nicht zur Schule gehen können. Wir fragen uns, was diese Kinder nur verbrochen haben, dass sie so behandelt werden. Der Norweger Hoisaeter spricht von einem Gefängnis, das Menschen unsichtbar macht. Die ungarische Regierung dagegen sagt mit einer gehörigen Portion Zynismus, die Flüchtlinge könnten jederzeit gehen – allerdings nicht nach Ungarn, sondern zurück nach Serbien.

Flüchtlingskrise ohne Flüchtlinge

Alle Gesetze und Maßnahmen, die Flüchtlinge betreffen, erkläre die ungarische Regierung mit der Gefahrenabwehr. Die Rhetorik und die Kampagnen der Regierung von Ministerpräsident Orban suggerierten eine Flüchtlingskrise, die mit Gewalt, Kriminalität und Terror einhergehe, meint der UNHCR-Vertreter. Die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache. 2018 waren exakt 632 Flüchtlinge nach Ungarn gekommen – macht zwei pro Tag. 2019 dürften es nach bisherigem Stand noch weniger sein. Ungarn hat eine Flüchtlingskrise ausgerufen, der die Flüchtlinge abhandengekommen sind. Doch die Propaganda verfängt, was man an den Wahlergebnissen ablesen kann. Heute schaffen es Flüchtlinge kaum noch nach Ungarn. Das Land hat die Grenzen dicht gemacht. Ohne Anwälte sei ein Asylverfahren aussichtslos, hören wir immer wieder.

Hunger als Mittel der Politik

Schwere Vorwürfe erhebt auch das ungarische Helsinki-Komitee. Durch Nahrungsentzug sollten Flüchtlinge dazu gebracht werden, auf ihren Asylantrag zu verzichten, erzählt uns Marta Pardavi vom Helsinki-Komitee, das sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzt. Das betreffe jene Flüchtlinge, deren Antrag in erster Instanz abgelehnt wurde und die dagegen in Berufung gegangen sind. So habe ein Ehepaar aus dem Irak erst nach einer Eilverfügung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) nach fünftägigem Nahrungsentzug wieder etwas zum Essen erhalten. Die drei Kinder des Paars wurden in dieser Zeit mit Essen versorgt. Die Eltern ernährten sich während der fünf Tage von den Resten, die ihre Kinder übrig ließen.

Steuer auf Spenden

Marta Pardavi berichtet auch von der neu eingeführten Steuer auf Spenden und finanzielle Zuwendungen für Organisationen, die sich für Flüchtlings einsetzen. Für alles, was angeblich der Migration Vorschub leiste, werde eine Art Strafsteuer von 25 Prozent fällig. Dias Gesetz ist verabschiedet, wurde bisher praktisch aber noch nicht angewandt. Doch die Wirkung ist dennoch zu spüren. Viele potentielle Spender würden dadurch abgeschreckt und zögen sich zurück, meint das Helsinki-Komitee.

Und was wird aus den anderen?

In den Räumlichkeiten von Kalunba, einer Einrichtung der Reformierten Kirche Ungarns, treffen wir Flüchtlinge, die bereits seit einiger Zeit in Budapest leben und hier auch bleiben wollen. Kourosh stammt aus dem Iran und hat inzwischen einen Job als Busfahrer. „Die Prüfungen waren extrem schwer. Als Flüchtling musst du ungarisch lernen. Die Sprache ist der Schlüssel“, sagt Kourush, der die ungarische Staatsangehörigkeit anstrebt. Nur wenn er die bekommt, kann er seinen Sohn, der in Deutschland lebt wiedersehen. Ahrimani ist ein Kurde aus Syrien und seit zwei Jahren in Ungarn. Seinen Lebensunterhalt verdient er in einem Restaurant. Der Krieg in Syrien verhinderte, dass er seinen Hochschulabschluss machen konnte. Das Abitur will er in Ungarn nachholen und dann Informationstechnologie studieren. Sowohl Kourosh als auch Ahrimani haben das, was man Bildungshintergrund nennt und sie haben Unterstützung von Kalunba, das ihnen beim Erlernen der ungarischen Sprache und bei der Vermittlung einer Wohnung geholfen hat. Welche Chancen, so fragen wir uns, haben eigentlich Flüchtlinge, die sich in ihrem Heimatland nicht bilden konnten und die keine Hilfseinrichtung wie Kalunba im Rücken haben?

 

Sieben Tage intensive Begegnungen und Gespräche. Was bleibt? Hier einige Aussagen von Teilnehmern der Begegnungsreise nach Serbien und Ungarn.

Serbien zeigte für mich – ganz unerwartet – ein freundliches, hilfsbereites, tolerantes Gesicht. Wobei ich mich frage, ob es nicht doch einen „Pferdefuß“ gibt.  Dass Flüchtlinge aber dahin gehen können, wohin sie wollen, aus welchen Gründen auch immer, ist ihr gutes Recht. Ungarns Gesicht sieht abscheulich aus. Die Politik den Flüchtlingen gegenüber ist unmenschlich und empörend. Sie wird trotz aller guten Worte von der EU und Deutschland mitgetragen.
Erika Grönegress

An unserer Begegnungsreise hat mich bewegt, wie herzlich wir von unseren Gastgebern bei Philanthropy und Kalunba empfangen wurden. Sie waren so nett zu uns, als wären wir schon lange Freunde. Positiv überrascht war ich, wie gut die Flüchtlinge in Serbien versorgt werden und welch vielfältigen Angebote es für sie dort gibt. Entsetzt bin ich, dass die illegalen Machenschaften der ungarischen Regierung im Umgang mit Flüchtlingen mitten in Europa von der EU und überhaupt „einfach so“ hingenommen werden.
Martina Schreiber


Mich hat berührt, wie in Serbien mit den Herausforderungen durch die ankommenden Flüchtlinge umgegangen wird: sehr wohlwollend, unaufgeregt, zuversichtlich und flexibel.  Serbien ist ein Land mit wirtschaftlichen Problemen, in dem es vielen Menschen materiell nicht gut geht. Auf diesem Hintergrund fand ich es beeindruckend zu hören, dass keine politische Partei Serbiens bislang das Thema "Geflüchtete" als Wahlkampfthema benutzt hat. Sehr gefallen haben mir die persönlichen Begegnungen.
Anneli Argus


Es war bereichernd, mit Flüchtlingen reden zu können, die trotz teils widriger Umstände nicht den Glauben an eine bessere Zukunft verloren haben. Ich habe gesehen, wie wichtig es ist, die jeweilige Landessprache zu lernen. Es war schön, Menschen kennenzulernen, die sich mit großem Einsatz und Überzeugung in der Arbeit mit Flüchtlingen engagieren.
Axel Markwort


Die persönliche Begegnung mit Menschen, die sich haupt- oder ehrenamtlich einbringen, um die Situation rund um Flüchtlinge besser zu machen, berührt und motiviert uns für unsere eigene Arbeit. Vieles war uns bisher nicht bekannt, so dass die Bandbreite an Informationen und die unterschiedlichen Sichtweisen für mehr Transparenz sorgen.
Mariam Merzak & Anna Müllender


Der Idealismus und die Kompetenz der Mitarbeiter/innen in der Flüchtlingshilfe in Serbien wie in Ungarn haben mich sehr beeindruckt.
Ursula Doll


Vor Antritt der Reise glaubte ich, dass das Motto „Europa mit menschlichem Antlitz“ ein Wunschdenken formuliert. Die Treffen mit unseren Gesprächspartnern in Serbien und in Ungarn haben mir gezeigt, dass sich dieses menschliche Antlitz in der täglichen Arbeit der Flüchtlingshilfe längst zeigt. Und natürlich habe ich unglaublich viel gelernt; etwa dass es keine Beliebigkeit ist, wenn der UNHCR Flüchtlinge nicht Migranten nennt, sondern dass es dafür handfeste juristische Gründe im Asylverfahren gibt.
Rosemarie Hohmann  


Wir haben gehört von zunehmendem Nationalismus, von geschlossenen Grenzen, von einer großen Distanz zur Idee Europa, wie sie sich in Ungarn zeigt. Europa braucht die zivilgesellschaftliche Stimme von unten und Kirchen, die mutig eintreten für Menschenrechte, Menschenwürde und für die Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen.
Sabine Müller-Langsdorf

Wir müssen sichere Wege für Flüchtlinge finden. Es ist unerträglich, wenn Flüchtlinge in Serbien 30mal versuchen, die Grenze zur EU zu überschreiten. Unerträglich sind auch die Zustände im ungarischen Transitlager. Betroffen sind zumeist junge Menschen, die Jahre ihres Lebens verlieren.
Doris Peschke


top